Meine dritte Geburt.

Als die Nabelschnur auspulsiert ist, durchtrenne ich sie.  Als ganz bewusster Akt der ersten Trennung von uns beiden. 
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Schwanger. 

Es ist Ende Januar und aufgrund der Aufs und Abs meiner Launen (und ja, natürlich aus einem Gefühl heraus), mache ich einen Schwangerschaftstest.

Zwei Striche. Mein Mann Leo und ich schauen uns mit einem Chaos voller Gefühle an. Ungläubig, freudig, verdutzt, voller Vorfreude. Unser drittes Kind ist unterwegs.

Ich verschicke zwei Nachrichten.

Eine an meine Freundin Stef, die andere an meine Hebamme Doris.

“Ich hoffe, du bist im Oktober nicht im Urlaub, ich brauch dich da!”, schreibe ich.

Sofort kommt ein Anruf und wir freuen uns über das neue Wunder und darauf, die Geburt wieder mit ihrer Begleitung zu erleben. 11.10.2015 – auf diesen errechneten Termin einigen wir uns.

Beide Jungs kamen fast zwei Wochen nach Termin und ein wenig bereitet er mir Bauchschmerzen, dieser ET.

Sonntag

Als ich an diesem Sonntag, den 11.10.2015, aufwache, bin ich genervt.

Ich bin genervt von meiner Decke, die mir zu warm ist, von meinem Sohn, der zu nah an mir dranliegt, von meinen Rückenschmerzen, vom Schnarchen meines Mannes. 

Es erscheint mir plötzlich alles zu eng in unserem Familienbett, ich fühle einen enormen Bewegungsdrang, ich gehe erstmal raus aus dem Schlafzimmer und ins Bad.

Dort beruhigt sich dieses Gefühl von “zu viel, zu eng” und ich gehe zurück ins Bett. 

Da ist es wieder, dieses Gefühl.

Zu viel, zu eng und ich bin wahnsinnig – wirklich wahnsinnig – genervt. Diesmal finde ich nicht einmal einen Grund. Ich spaziere im Haus hin und her und lege mich schließlich nochmal hin, als Leo mit dem Kleinen das Schlafzimmer verlässt. 

Immer wieder nicke ich ein, wache wieder auf, nicke wieder ein.

Ich bin genervt.

Die Tochter unserer Freunde wird getauft an diesem Sonntag und wir entscheiden uns dazu, den Gottesdienst zu besuchen. Ich möchte raus.

Beim Fertigmachen merke ich immer deutlicher: ein Ziehen im Rücken. 

Das kenne ich irgendwoher. 

Wehen.

Sie sind gut auszuhalten, ich muss sie nicht veratmen und doch – sie sind anders als die Wehen, die ich bisher kannte aus dieser Schwangerschaft. Aber auch anders als die Geburtswehen, die ich von den Geburten der Jungs kannte. Und außerdem bekomme ich meine Kinder nachts, wenn alles schläft und ich tun und lassen kann, was ich will – dachte ich.

Wir gehen in den Gottesdienst. Ab und zu muss ich beim Singen aussetzen. 

Das sind definitiv Wehen. 

Ich schaue auf die Uhr. Alle 10 Minuten.

Vorfreude macht sich breit.

Eine Geburt am Tag? Das kenn ich ja noch gar nicht! Wie spannend!

 

Nach dem Taufgottesdienst schicke ich meine Männer weg und gehe in die Wanne.

Ein Bad hat mir bei den letzten Geburten schließlich auch immer Klarheit verschafft.

Jedoch passiert in der Wanne nur eines: Keine Wehen und das GEfühl von Enge kommt zurück.

Ich gebe meinem Mann Entwarnung und meine Familie kommt zurück.

Die Jungs sind aufgedreht an diesem Tag, klar. Sie spüren, dass sich etwas tut. 

 

Zu früh gefreut?

Ich stelle mich in die Küche und mache mir Flammkuchen. Mit Kürbisschnitzen und Feta. Ein richtiges Herbstessen. Das brauche ich jetzt.

Während ich da so in der Küche hantiere, kommen sie wieder, die Wehen.

Meine Söhne sind in der Zwischenzeit sehr bedürftig, wollen kuscheln (ich will niemanden in meiner Nähe), suchen Aufmerksamkeit.

Ich rufe die Hebamme an.

“Doris, ich weiß auch nicht, was das ist. Kommst du vorbei?” 

Sie kommt. 

Der Muttermund ist 2cm offen und sie sagt: “Es liegt in deiner Hand, Olga, ob dein Baby heute zu uns kommt. Willst du es heute empfangen? Was brauchst du dafür?”

Zwei Centimeter. Das ist gar nichts. 2cm hatte ich beim Großen drei Wochen vor der Geburt.

Ich bin unsicher. 

Wir rufen unsere Babysitter an und gehen spazieren.

Doris pflückt Blumen, mein Mann und ich unterhalten uns mit Bekannten, die wir unterwegs treffen. Ab und zu veratme ich die immer noch leichten Wehen. 

Dann machen wir uns auf dem Heimweg.

 

HUCH! 

DAS ist eine Wehe. Ich klammere mich an meinen Mann und muss deutlich veratmen. Jetzt will ich so schnell wie möglich wieder nach Hause. Weit laufen kann ich so nicht mehr. 

Dann wird es wieder etwas ruhiger, wir trinken Tee mit Zitrone und unterhalten uns.

 

Und dann, plopp, springt die Fruchtblase. Das Sofa voller Fruchtwasser, lache und weine ich gleichzeitig. “Jetzt hast du keine Wahl mehr, Olga. Dein Kind kommt heute!”, sagt Doris. 

“Soll ich dir eine frische Hose holen?”, fragt mein Mann. Ja. Wir lachen uns kaputt. 

Es geht jetzt wirklich los!

 

Heute! 

Ich veratme jetzt immer heftiger werdende Wehen.

Gehe auf Toilette, komme zurück ins Wohnzimmer, hänge über der Sofalehne, töne laut. Sehr laut.

Es ist das Gefühl, als würde es mir meine Hüfte sprengen.

 

“Geh nochmal die Treppe rauf.”, schlägt Doris vor.

Ich habe mir diesmal fest vorgenommen, ihre Tipps anzunehmen und gehe Stufe für Stufe nach oben. Veratme, töne, schreie.

Oben angekommen gehe ich nochmal auf Toilette. 

Und plötzlich übermannt mich die Gewalt der Wehen, die wie Wellen über mich hereinbrechen. Ich kann kaum atmen. Ich fluche. Ich heule.
Das Gefühl, dass mein Becken gesprengt wird, ist ganz stark.

Kurz überlege ich mir, einfach an Ort und Stelle zu bleiben und mein Kind im Bad zu bekommen. Dann denke ich darüber nach, ins Schlafzimmer nebenan zu gehen. 

Doch irgendwie ist meine Vorstellung von einer Geburt im Wohnzimmer stärker.

Ich rufe meinen Mann. Er soll mich auf dem Weg nach unten begleiten.

Mein Becken zusammendrücken während der Wehen, damit diese Urgewalt mich nicht übermannt. 

Ich knalle auf’s Sofa als ich unten ankomme. Geschafft.

“Darf ich kurz nach dem Muttermund schauen?”, fragt Doris. 

“NEIN!”, sage ich entschieden.

Und: “Neeeeeeiiiiiin!”, tönt die nächste Welle aus mir heraus. 

Zu Leo sage ich: “Du musst mein Becken fester zusammendrücken!”

“Jaaaaaa!”, schlägt Doris vor.

Die nächsten Wellen tönt sie mit mir. Ein tiefes “Jaaaaaa!” – gemeinsam. Stark.

Mein Mann steht inzwischen hinter mir auf dem Sofa und presst seine Knie gegen mein Becken, um mir genug Gegendruck geben zu können.

Ihm entfährt ein “Ich kann nicht mehr!”

“Ist mir egal, ich kriege hier ein Kind!”, ist meine Antwort. 

Er stemmt sich weiter mit aller Kraft gegen mein Becken. 

“Da sind schon Haare!”, freut sich Doris.

Ich weine, spüre den Flaum zwischen meinen Beinen. Fast geschafft. Gleich bist du bei mir!

Schon mit der nächsten Welle ist der Kopf geboren. Ich fühle noch einmal zum Köpfchen, bin überwältigt von Schmerz und Freude.

Noch einmal presse ich, Doris fängt mein Baby auf, legt es mir auf die Brust.

“Du bist da! Endlich bist du da.” 

Ein unglaubliches Gefühl. 

Auch beim dritten Mal.

“Wer ist denn zu euch gekommen?”, fragt Doris, “Hast du schon geschaut?”

Nein. Ich habe noch nicht nachgeschaut.

Wir wollten uns überraschen lassen und jetzt im Moment ist garnichts wichtig.

 

Ich schaue nach.

“Ich glaube, ein Mädchen. Oder?”

Wir lachen.

Eine Tochter. 

 

Ich lehne mich zurück.

Mein Kind auf meiner Brust. 

Schnell kommen Nachwehen und die Plazenta wird geboren. 

Ich habe kaum Blut verloren, keine Geburtsverletzungen.

Es ist alles irgendwie so anders als bei den Geburten der Jungs. 

Wacher. Klarer. Präsenter.

 

Als die Nabelschnur auspulsiert ist, durchtrenne ich sie. 

Als ganz bewusster Akt der ersten Trennung von uns beiden. 

Es ist wunderschön. 

Wir starten unseren ersten Stillversuch. Sie tut sich noch etwas schwer. Aber bekommt doch die Brust zu fassen und stillt.

Dann kommen die Jungs und begrüßen ihre Schwester auf dieser Welt. 

Wir essen Pizza und staunen. 

So viel Liebe.

So viel Kraft.

So viel Leben. 

 

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