Es gibt keine Grenzen. – Einmal Elternzeit und zurück.

Lass die Erwartungen zu Hause und nimm nur deine sieben Sachen mit. Und dann öffne deine Augen, öffne dein Herz ganz weit, für das Leben und fülle es mit deiner Wärme, mit deinem Licht. Du bist die Liebe. Fülle dein Leben mit Dingen die du liebst und lass Dich vom Leben überraschen! Du wirst es dir später danken ;)
Einmal Elternzeit und zurück

„Es gibt keine Grenzen. Weder für Gedanken, noch für Gefühle. Es ist die Angst, die immer Grenzen setzt.“
Ingmar Bergman

Gastartikel von Clara Hartig.

Endlich. Die letzte Tasche. Die letzten Treppenstufen. Mich trennten jetzt nur noch wenige Meter von einem richtigen Zuhause Ankommen.  Am Abend zuvor konnte ich nicht schlafen, nicht weil ich Heimweh hatte, nein, eigentlich ganz im Gegenteil. Mein Kopf schwirrte vor Erinnerungen und Gedanken darüber, wie es wohl sein würde, wieder in diesen „Alltag“ zu kommen. Darüber, was uns zu Hause erwartet. Würde ich mich dort überhaupt noch richtig wohl fühlen? Vielleicht sortiere ich ein paar Sachen aus? Was ich wohl in den letzten beiden Monaten alles verpasst habe?

Einmal Elternzeit und zurück

ELTERNZEIT IST REISEZEIT

Als wir uns im Februar auf die Monate festgelegt hatten, in denen wir gemeinsame Elternzeit genießen wollten, hatten wir noch keine großen Reisepläne. Wir hatten im Zuge unserer kirchlichen Trauung, die im August stattfinden sollte, mit einem Urlaub am Meer geliebäugelt.  Am liebsten in Italien. Vor 2 Jahren hatten wir dort unseren ersten gemeinsamen Urlaub verbracht. 10 Tage im Zelt. Direkt am Meer, bei herrlichen 27 bis 30 Grad.

Mit Kind wollten wir nun allerdings gerne statt dem Zelt eine Ferienwohnung mieten und fanden direkt 2 Kollegen, die bereit waren, sich auf einen Urlaub mit Kleinkind-Familie einzulassen.

Es gibt einen Schnitttag in Italien, ab dem 15. September kosten die meisten Appartements nur noch die Hälfte oder noch weniger. Gesagt getan, die FeWo wurde gebucht. 14 Tage, bis Ende September und dann würden wir die Tage zwischen dem Wochenende und dem 3. Oktober zum Heimfahren nutzen. Planung abgeschlossen. Oder?

Und doch –

Die Gedanken über das große Reisen ließen uns nicht recht los.

Ein paar Überlegungen später waren wir soweit, dass wir gern noch mehr Zeit zum Reisen nutzen wollten. Ich wollte unbedingt nach Frankreich und mein Mann hatte kein bestimmtes Wunschziel, also war die Sache schnell entschieden.

Darüber war ich glückselig wie ein Kind, das mit großen leuchtenden Augen vorm Weihnachtsmann steht und sich ironischerweise fragt, ob sein Bart wirklich echt ist oder nicht. Es war unwirklich für mich, diese Vorstellung. Ich auf Tour, ich auf Reisen. Ich wollte schon immer reisen. Allerdings hatte ich mir das alles ganz anders vorgestellt. Nachdem mein Bruder ein dreiviertel Jahr in der Welt umhergezogen ist und von seinen spektakulären Eindrücken berichtete, war ich hellauf begeistert. Ich stellte mir vor, wie ich in Wanderstiefeln als Backpackerin durch die wundervolle Welt spazierte. Das war mein rosaroter Traum vom Reisen. Eine tolle Reise, eine Menge Zeit, ohne Kind, ohne viel Gepäck, ohne Auto, ohne Sorgen und am besten allein. Tja, in der Regel kommt es anders als man denkt.

GROSSE PLÄNE

Es erwies sich schon einmal als relativ schwierig, genaue Fahrpläne zu erstellen. Erstens, weil mein Mann in den Monaten vorher noch arbeiten war und im Alltag dafür wenig Platz war, und zweitens, weil tatsächlich ja noch unser großes Event (unsere Hochzeit) anstand, die auch organisiert werden wollte und Vorrang hatte.

Mein Mann hatte sich lediglich ein paar sehenswerte Ziele ausgesucht, so zum Beispiel die Kreideküste am Ärmelkanal, der Mont-Saint-Michel und im Süden dann Marseille, Toulouse usw.

Paris stand nicht auf unserer Liste, aus gutem Grund, ich glaube Paris möchte ich ganz für mich genießen, mal mit meinen Mädels oder meinem Mann allein und bis das gegeben ist, wird noch etwas Zeit vergehen.

Wir planten mit Dachzelt zu reisen, weiter zu unserer Ausstattung gehörten noch eine riesige Kühlbox (die schnell gegen eine kleine getauscht wurde), eine quasi tragbare Küche (bestehend aus 2 Gaskochern, Töpfen, einer Pfanne und diversen anderen Utensilien) und ein Pavillon (den wir ungefähr 3 mal wirklich genutzt haben).

Vier Tage nach unserer Hochzeit wollten wir starten, bis dahin mussten alle finanziellen Dinge geregelt und auch sonstige Vollmachten ausgestellt sein, damit wir die Zeit wirklich genießen konnten und es keine unangenehmen Überraschungen gab. Mittlerweile weiß ich, dass vier Tage eindeutig zu wenig sind, um das alles entspannt zu regeln … naja und packen, Auto einladen und losfahren mussten wir ja auch noch. Vier Wochen lagen vor uns. Vier Wochen Frankreich, Atlantik, Westküste bis runter an die Côte d’Azur und dann zwei Wochen Italien.

Pläne, Ideen, Realität

ICH PACKE MEINEN KOFFER UND NEHME MIT …

Also ging dann auch das Einpacken los.

Ich hatte mir, wie so häufig, einfach KEINE Liste geschrieben, sondern schrieb mir immer nur spezifisch die Dinge auf, bei denen ich Angst hatte, sie wirklich zu vergessen.

Und während ich alles vor mich hinlegte, mich umschauend, was noch fehle, arbeitete mein Mann seine Liste der Reihe nach ab. Ich wollte gerade so viel einpacken, dass es für knapp 2 Wochen reichen würde, waschen mussten wir so oder so irgendwann. Also sammelte ich meine bequemsten Kleidungsstücke ein und alles, was ich für den kleinen Bären brauchte. An und für sich hab ich sehr sehr wenig Kleidung eingepackt, so dass von allem was dabei war. Für Regentage, für kalte Nächte, für 30 Grad und Strandwetter, was ja eigentlich sowieso das Ziel war. Schließlich war August und schließlich würden wir ein ganzes Stück südwestlicher sein. So dachte ich jedenfalls.

Als ich alles soweit zusammen hatte, packte ich also noch meinen Koffer voll mit Erwartungen.

Ich stellte mir vor, wie wir gemütlich am Strand ein Eis aßen, wie wir in den Wellen badeten, stellte mir vor wie schön es sein würde, abends auf dem Zeltplatz zu sitzen, bei Kerzenschein und einer Tasse Tee, ganz in Ruhe. Ich überlegte wie toll es werden würde, wenn wir uns Städte anschauen und wie wir tolle Ausblicke genießen würden, nach langen Wanderungen. Da saß ich auf meiner rosa Wolke, unter mir eine Picknickdecke an den schönsten Orten Frankreichs. Und meine Erwartungsliste füllte und füllte sich und wurde immer länger.

WER SEINE ERWARTUNGEN EINPACKT, IST SELBST SCHULD

Ich wollte mir in dieser Zeit ein paar Stunden zum Schreiben und Arbeiten nehmen und hoffte auf ein bisschen Ruhe und neue Blickwinkel. Inspiration und neues Gedankengut. Was soll ich sagen? –  Die Blickwinkel hab ich bekommen. Ganz viele. En masse.

Und jeden Tag irgendein anderes Drama und jeden Tag andere Gründe zum Lachen.

Plötzlich passte die eine Tasche nicht mehr dahin, wo sie vorher stand, dann war der Pfannenwender kaputt, am nächsten Tag wurde der Stromadapter auf dem letzten Camping vergessen und wir standen ohne da. An einem Tag war das Duschen mit dem kleinen Bären eine große Herausforderung, war das kein Problem mehr, wollte er plötzlich nicht mehr mit uns essen und auch nicht mehr im Kindersitz bleiben.

Jeden Tag genossen wir neue Aussichten. An jedem Tag machten wir Kilometer. Anfangs wollten wir nur alle zwei bis drei Tage den Campingplatz wechseln, das erwies sich allerdings als anstrengend und wir hatten das Gefühl, nicht voran zu kommen. Länger als maximal 3 Stunden Fahrt war für uns alle auch nicht machbar und zu kräftezehrend, um es so weiter zu führen. Also kam irgendwann der Punkt, an dem wir uns entschieden, wirklich JEDEN Tag ein Stück auf unserer Route voran zu kommen. Das Dachzelt mussten wir sowieso täglich einklappen, um überhaupt loszufahren, demnach räumten wir ebenso jeden Tag alles wieder ins Auto, so dass wir hätten abreisen können.

Es hatte eine Woche gedauert, um eine ungefähre Routine da rein zu bekommen und noch eine weitere, um sie zu perfektionieren und unsere Abläufe (vor allem was das Ein- und Ausklappen des Zeltes und das hin und her räumen der Taschen anging) gut aufeinander abzustimmen, bis jeder wusste, was er zu tun hatte, wenn wir los wollten. Ich erinnere nochmal daran: wir waren nur zu DRITT! (Davon ein kleiner neugieriger Bär, der die Welt entdecken wollte und wir beide, mein Mann und ich).

Unsere Bestzeit war 10.30 Uhr, eher war das Loskommen einfach nicht realisierbar. Eher als 8.00 Uhr aufstehen war für uns auch nicht drin, wir brauchten alle drei ausreichend Schlaf, um diesen veränderten Alltag durch zu halten und schon vor dem Frühstück ungefähr drei mal den kleinen Bären wieder zum Zelt zurück zu holen.

REALITÄT

Die Realität holte mich schnell ein. Ich dachte, es wäre so toll, als Familie zu reisen und hab dabei nicht daran gedacht, dass das auch einen sehr veränderten Alltag mit sich bringt. An und für sich kein Problem, aber es bedeutet Veränderung und Veränderung bedeutet eben immer erstmal umstrukturieren. Sich neu finden. Und dann waren wir zu dritt. Und das JEDEN TAG! Jeder mit seinen ganz individuellen Bedürfnissen und Vorstellungen. Manchmal wollte jeder von uns etwas anderes und das bedeutete anfangs viel Frust.

Als der aber verflogen war, füllte sich diese Auszeit mit ganz anderen Dingen, als die, die ich mir vorgestellt und vielleicht gewünscht hatte.

Das entspannte Eis am Strand erwies sich als recht sandig, das abendliche Draußensitzen, das gab es schon, es war allerdings nur halb so lang und in meiner Vorstellung gab es da weder Wind noch Nieselregen, noch kalte Füße. Die Autofahrten wurden manchmal zäh und erschienen endlos lang, vor allem wenn sich dann noch der Hunger schlagartig meldete. Duschen gehen wurde zur Herausforderung. (Memo an mich selbst: Träum beim nächsten mal bitte realistischer!)

Und doch … gab es Momente, in denen wir alle glücklich und zufrieden waren. Momente, in denen wir gemeinsam einen unglaublichen Ausblick genossen. Vielleicht nicht auf einer Picknickdecke bei warmen Temperaturen, aber dafür mit Wind in den Haaren und einem endlich ruhig schlummerndem kleinen Bären auf dem Rücken. Und in diesen Momenten, da war das ok. Da war es ok, dass alles anders gekommen war. Da durfte ich lernen, mich zu öffnen und mir vor Augen zu führen, dass meine Vorstellungen und Erwartungen nicht immer das waren, was ich gerade wirklich nötig hatte. Da war es ok, dass es anstrengender war als gedacht. Da war es in Ordnung, dass es keine Entspannungsreise war. Da zählte nur das Jetzt. Da zählten nur wir als Familie und unser Weg. Da war das Leben einfach das Leben, in voller Pracht. Lebendig. Wundervoll. Ganz anders und überraschend. Ein Abenteuer, eine Herausforderung, etwas Unbekanntes. Da war die Auszeit wirklich eine AUSzeit, in denen mein Handy nur zum Festhalten von Erinnerungen diente und kaum mehr. Eine Zeit, in der der Kopf abschaltet, weil er sich darum kümmert was JETZT dran und notwendig ist und nur ganz kurz darum, was nächste Woche oder morgen kommt. Es war nahezu befreiend, so zu leben. Ich klammerte mich nicht mehr an meine Wunschvorstellungen. Wenn es anders lief, dann war das eben so und danach wurde dann entschieden, wie es weiterging und wie wir eventuell Lösungen finden konnten. Was nicht bedeutete, dass es nicht immer mal einen Grund zum Ärgern gab, aber es wurde einfacher, sanfter, leichter. Es wurde zu einer AUSzeit in der wir uns als kleine Familie neu finden konnten. Die uns die Möglichkeit gab, uns wirklich RAUS zu nehmen und AUS uns zu schöpfen.  Aus dem zu schöpfen, was wir mit hatten und wer WIR waren, AUS dem was uns AUSmachte. AUS dem festgefahrenen Alltag IN die Welt hinein. IN unser Familienchaos. IN die Beziehung zum Partner oder zum Kind. IN unser Innerstes. Zu uns. AUS uns heraus, IN uns hinein. Hin zu MIR und meinen Werten, Worten und Träumen. Noch näher zu mir selbst.

AUSzeit. Neufindung.

WAS MAN WIRKLICH BRAUCHT – ERKENNTNISSE

Es gibt Dinge, die wir bei der nächsten Tour anders machen werden! Wir werden keinen Campingplatz ohne Starterkabel besuchen und auch nicht ohne Mückenspray. Das Fieberthermometer gehört in die Reiseapotheke. Ich werde nie wieder in Frage stellen, ob ich die Regenhose für den kleinen Mann einpacken sollte oder nicht. Das wichtigste aber ist: dass wir immer heil angekommen sind. Wir sind gesund und munter. Und wir wissen, was wir NICHT mögen und brauchen. Wir wissen jetzt, dass große, meernahe Campingplätze nichts für uns sind, dass aber Spielplätze und Pools sehr wohl wichtige Kriterien für uns sind, um einen gewissen Entspannungsgrad in den Urlaub zu bekommen.

Wir sind jetzt klüger und erfahrener. Das war es wert! Ich durfte erfahren wie mein Mann auf Veränderungen und viele neue Eindrücke, auf plötzliche Planänderungen und kleine Katastrophen reagiert. Ich durfte meinen Sohn besser kennen lernen. Ich durfte ihm zusehen, wie er die Welt entdeckt, wie er sich verändert, wie sicher er sich fühlt und wie langweilig er Auto fahren findet. Wie er drauf ist, wenn es ihm wirklich so gar nicht gut geht. Ich durfte mich selbst besser kennen lernen. Ich habe viele viele Chancen bekommen, mit meinen beiden Herzensmenschen in Beziehung zu gehen, die Beziehung zu stärken, sie vielleicht neu zu definieren, sie anders zu gestalten. Ich habe nicht nur hübsche Andenken zum Hinstellen oder Anziehen mitgenommen, nein, ich habe einen Schatz ausgegraben. Voll mit Erfahrungswerten, mit intimen Momenten, mit lebendigen Erinnerungen, mit reinem Leben. Ich hatte die Chance, Liebe zu erfahren, in all ihren Formen, Farben, Sprachen, Bildern und Worten.

UND, WAR’S SCHÖN?

„Na, und wie war’s?“ Natürlich war es schön! Es war großartig. Es war unfassbar ereignisreich. Es war eindrucksvoll. Es war ein echtes Abenteuer. Aber es war auch anstrengend, teilweise sehr frustrierend, nervig, überwältigend. Es war was es eben war: eine Reise. Ein Weg. Kein Stillstand und das bedeutet ständiger Perspektivenwechsel.

Für mich war es eine Grenzerfahrung als Mensch und als Familie, die mich jedoch eines gelehrt hat: es gibt IMMER eine Lösung. Absolut NICHTS ist unmöglich. Die Welt ist so, wie wir sie erfahren wollen und wir sind das Leben. Wir haben es in der Hand was wir daraus machen. Wir sind die Liebe, die dieses Leben zu etwas Lebendigem macht.

Mein Fazit?
Lass die Erwartungen zu Hause und nimm nur deine sieben Sachen mit. Und dann öffne deine Augen, öffne dein Herz ganz weit, für das Leben und fülle es mit deiner Wärme, mit deinem Licht. Du bist die Liebe. Fülle dein Leben mit Dingen die du liebst und lass Dich vom Leben überraschen! Du wirst es dir später danken 😉

 

Clara Hartig

 

Clara ist Floristin, Worteliebhaberin und Mutter eines Kindes. Sie ist Mitglied in meiner Facebook-Gruppe und war im Sommer 2018 mit ihrer kleinen Familie auf großer Reise durch Frankreich und Italien. Danke für deinen Bericht und deine Gedanken, liebe Clara.
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